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Die Rückkehr der Bären

Bizarre Felsformationen und alpine Steilwände erheben sich über blühenden Wiesen. Gebirgsbäche brechen mit dramatischen Wasserfällen durch die Felsen. Andernorts bestimmen skurril geformte Dolomit-Formationen das Bild. Im Nordwesten der Slowakei befindet sich diese Wildnis, wie man sie in Europa kaum noch vermutet. Hier in der Kleinen Fatra in den Karpaten gibt es noch Wölfe, Luchse und häufig auch Braunbären. Praktisch direkt vor unserer Haustür.

Reiseimpressionen von unserer Wanderreise in den Malá Fatra Nationalpark im Nordwesten der Slowakei.

links Poludnové Skaly und rechts Velký Roszutek (1609 m), Stefanová, Mala Fatra NP, Slowakei

Links Poludnové Skaly und rechts Velký Roszutek (1609 m) (Foto: Vlado Trulik)

„Die Kleine Fatra ist einer der schönsten Nationalparks Europas. Die nächsten Tage werden euch davon überzeugen“, schwärmt unser Reiseleiter Vlado Trulik nach unserer kleinen Lagebesprechung bei einer üppigen Portion der slowakischen Nationalspeise „Haluschky“, einer Art Kartoffelspätzle mit Speck und Schafskäse. Und er soll Recht behalten, denn neben den „großen Drei“ – Bär, Wolf und Luchs – bietet dieses etwa 200 Quadratkilometer große Gebiet einen Rückzugsraum für eine Vielzahl weiterer Tier- und Pflanzenarten, derer wir in den kommenden Tagen viele kennenlernen werden.

„Ich hab etwas für euch!“, ruft Vlado und stößt am nächsten Morgen beim Frühstück zu unserer Truppe hinzu. In voller Wandermontur mit Fernglas kommt er um sieben gerade zurück von seinem frühmorgendlichen Waldspaziergang. Vlado war schon auf Bärenpirsch und hat bis auf erste Spuren noch nicht viel entdeckt – und um nicht mit leeren Händen vor unserer Reisegruppe dazustehen, bringt er uns ein paar Waldpilze und noch ein bisschen frisch gepflückten Oregano mit.

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Die Kleine Fatra bietet Fernsichten, aber auch Nahaufnahmen (Foto: Vlado Trulik)

Vlado ist Biologe und hat seine Begeisterung für die Natur zu seinem Beruf gemacht. Er ist Wanderführer in der Kleinen Fatra. Seit vielen Jahren pirscht er durch den Nationalpark und kennt fast jeden Baum und die besten Plätze zur Tierbeobachtung. Heute sind wir mit Vlado auf Bärensuche. Auch wenn im Schutzgebiet noch etwa einhundert Braunbären leben, sind sie doch oftmals weit verteilt  bzw. wagen auf ihren weiten Wanderungen auch Ausflüge außerhalb des Nationalparks. Gute Kenntnisse im Fährtenlesen sind gefragt, um die Bären ausfindig zu machen. Vlado entdeckt einen zerkratzten Kletterbaum und anhand der frischen Spuren vermutet er, dass der letzte Besuch noch nicht allzu lange her sein kann.

Wir nehmen die Fährte auf und die Spannung steigt, denn eine Begegnung mit einem ausgewachsenen Braunbären birgt auch ihre Risiken. Ein Warnschild entlang des Weges verweist auf die Verhaltensregeln im Falle einer Begegnung: „Vermeiden Sie Augenkontakt und hektische Bewegungen. Bleiben Sie ruhig und entfernen Sie sich langsam!“ Vor der Reise hatte ich noch gelesen, dass jährlich etwa sechs Menschen von Bären in der Slowakei angegriffen werden. Vlado beruhigt mich, bisher sei es noch nie zu Zwischenfällen mit seinen Kunden gekommen. Er weiß das Verhalten der Bären einzuschätzen. Es gebe hauptsächlich Probleme mit den Landwirten, da die Bären aufgrund des fehlenden Nahrungsangebots oft Nutztiere reißen. Es sei auch schon vorgekommen, dass die Bären sich im Herbst am Streuobst einen Schwips angefressen haben und deswegen den Menschen zu nahe kamen. Glücklicherweise wandern wir im Sommer!

Schreiadler am Horst

Schreiadler nutzen die Kleine Fatra zur Aufzucht ihrer Jungen (Foto: Vlado Trulik)

All dieses Bärengequassel macht einen fast blind für die Schönheiten der Kleinen Fatra entlang des Weges. Gut, dass Vlado die Ruhe behält und ein Auge auf die anderen Schätze der Kleinen Fatra wirft. Er zeigt uns einen weiß blühenden Fieberklee, eine Sumpfpflanze, die in Nordeuropa immer seltener wird, da viele Feuchtgebiete trocken gelegt werden. Und als wir noch die Vielfalt der Pflanzenwelt erkunden, hat Vlado mit seinem Fernstecher unlängst ein Nest eines Schreiadlers ausfindig gemacht. Mitte August bereitet sich der Nachwuchs gerade auf die ersten Flugübungen vor, damit Ende September die Familie den Zug ins südliche Afrika antreten kann. Vlado erklärt uns, dass Schreiadler sich durch ihre besondere Brutbiologie auszeichnen, bei der meistens zwei Eier gelegt werden, aber das zuerst geschlüpfte Junge dann sein jüngeres Geschwister tötet.

So setzt sich unsere Wanderung fort. Durch Wälder, über Wiesen, Täler und Schluchten immer mit dem geschulten Blick eines Biologen, der viel Wissenswertes zu berichten weiß. Und die Bären? Sie scheinen unsere Neugier zu ahnen und machen sich rechtzeitig aus dem Staub, wenn sie unseren Trott kommen hören.

Doch dann. Vlado unterbricht unsere Unterhaltungen. Am gegenüberliegenden Hang frisst sich eine Bärin mit ihrem Nachwuchs durch die Blaubeeren. „Das ist Anca, die am Velky Rozsutec überwinterte und dort zwei Jungen zu Welt gebracht hat“, flüstert Vlado – und ich wundere mich, woran auch immer er das nun erkannt hat? Völlig unbeeindruckt von der gaffenden Touristengruppe bleibt Anca mit ihren Jungen fast eine Stunde lang am Waldrand und frisst sich durch die Beeren. Wir haben Glück, sie bemerkt uns nicht, da wir in sicherer Distanz bleiben. Und da der Wind zu uns herüberweht, kann sie uns nicht riechen.

Braunbär in der Malà Fatra

Etwa 800 Braunbären sollen in der Slowakei wieder ansässig sein (Foto: Vlado Trulik)

Ein wahres Hochgefühl überkommt Vlado, hat er doch nicht immer das Glück,  Bären auf seinen Touren zu sichten. Doch dieser Sommer sei ein guter: Auch, wenn die Bären wegen des langen Winters erst verspätet zu den Futterplätzen kommen, so waren die Sichtungen doch viel regelmäßiger als in den Vorjahren. Die slowakische Bärenpopulation scheint sich zu erholen. Auf etwa 800 Tiere schätzen Experten die gegenwärtige Population, doch gebe es zu wenig Lebensraum, der ausreichend Nahrung böte. Es herrscht also Grund zur Annahme, dass es in naher Zukunft wieder vermehrt zu Konflikten zwischen den Landwirten und Meister Petz kommt. Viele Experten sehen demnach als einzige Lösung, den Bären an den Pelz zu gehen. Kaum nachzuvollziehen, wenn man die Bärenfamilie hier so friedlich fressen sieht.

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Leckeres Abendessen nach der Bärenpirsch (Foto: Vlado Trulik)

Zurück in unserer Pension, überwältigt von dieser Bärensichtung und all anderen Eindrücken dieses Wandertages in der Kleinen Fatra, haben wir uns nun eine gute Mahlzeit verdient. Heute gibt es über dem Lagerfeuer gegarte, frische Forelle mit einer Flasche slowakischem Wein.

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