Aserbaidschan Geschichte Siedler Deutschland

Auf den Spuren deutscher Siedler in Aserbaidschan

Zwischen raschelnden Büschen und hohen Gräsern überdauern die steinernen, verwitterten Grabsteine der ersten deutschen Siedler. Vor genau 2 Jahrhunderten wanderten sie in den Kaukasus nach Aserbaidschan aus.

Nahe dem tiefblauen Göygöl-See liegt die ehemalige Kolonie Helenendorf. Hölzerne Balkone und geschnitzte Veranden zieren die Häuser des Dorfes.

Der kunstvolle Baustil der Siedlung ist das Erbe der deutschen Siedler.

In der lichtdurchfluteten Pfarrkirche sind die Namen der ersten Einwandererfamilien verewigt. Heute ist die ehemals lutherische Kirche ein Museum, in der eine Dauerausstellung die Geschichte der Siedler erzählt.

Sonnenlicht erleuchtet die Daueraustellung in der ehemaligen Pfarrkirche.

Auf dem alten Friedhof erhebt sich der weiße, gemaserte Grabstein des letzten Nachfahrens der Siedler – Viktor Klein. “Ruhe sanft” steht eingemeißelt unter unter dem Portrait des vor 12 Jahren Verstorbenen. Sein Wohnhaus steht leer, doch es ist geplant, es in ein Museum für die Siedlungsgeschichte der Deutschen umzuwandeln.

Die Spuren des letzten deutschen Nachfahrens.

“Am Anfang war Napoleon” – und der russische Zar

Eine Gruppe von 135 Familien aus Württemberg, Reutlingen, Betzingen und Altbach machte sich Anfang des 19. Jhr. auf den langen, strapaziösen Weg in den Südkaukasus. In Mitteleuropa wüteten zu dieser Zeit die Napoleonischen Kriege. Zu allem Übel zog sich über Süddeutschland die Aschewolke des indonesischen Vulkans Tambora zusammen. Der Vulkanausbruch im April 1815 sorgte für ungewöhnlich kalte Temperaturen im Westen und Süden Europas. Das “Jahr ohne Sommer” bescherte den Bauern Missernten und führte zu steigenden Lebensmittelpreisen. Armut und Arbeitslosigkeit trieben die Süddeutschen zur Auswanderung.

Aserbaidschan war zu diesem Zeitpunkt eine russische Provinz. 2 Jahre vor dem Vulkanausbruch, nach dem Ende der Russisch-Persischen-Kriege, hatte Persien das Gebiet ans Zarenreich abgetreten.

Deutsche im Kaukasus anzusiedeln war Teil der russischen Strategie, um den Einfluss in den frisch erkämpften Territorien zu untermauern. Es war der Sohn einer Württembergerin, Zar Alexander I., der die besitzlosen Bauern einlud in den Kaukasus zu übersiedeln. Er bot ihnen Religionsfreiheit und ein Leben ohne Militärpflicht. Mehr als 600.000 Rubel investierte das russische Reich in die Ansiedlung der Deutschen.

Die ersten Kaukasiendeutschen in Aserbaidschan

Die Siedler segelten auf Schiffen donauabwärts. In “Kolonistenwagen” reisten sie weiter über die georgische Hauptstadt Tbilissi in den östlichen Südkaukasus.

Im Jahre 1819 erreichten die Einwanderer ihr Ziel. Auf den Ruinen der Altsiedlung Xanlar gründeten sie die erste deutsche Siedlung in Aserbaidschan: Helenendorf. Benannt wurde die Kolonie nach der Schwester des russischen Zaren. Sie sollte sich zur größten deutschen Ortschaft in Aserbaidschan entwickeln.

Historische Weinkeller in Helenendorf.

Die Neuankömmlinge arbeiteten als Schuhmacher, Schneider und Schmiede. Die Bauern bauten hauptsächlich Wein an. Ein besonders erfolgreicher Winzer war Christopher Vohrer. Aus seinem ersten bescheidenen Weingarten entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts das Unternehmen “Gebrüder Vohrer“, das 30 Weinkeller, eine Brauerei und eine Cognac-Fabrik umfasste. Noch heute sind die historischen Weinkeller erhalten. Das Stadtwappen Göygöls (der heutige Name der Stadt) zieren zwei goldene Weinreben auf tiefrotem Grund, im Zeichen der florierenden Weinwirtschaft.

200 Jahre Siedlungsgeschichte

1941 ließ Stalin die Deutschen aus Aserbaidschan deportieren. Dieses Jahr jährt sich die Gründung Helenendorfs zum zweihundersten Mal. Vor genau 2 Jahrhunderten machten sich die süddeutschen Siedler auf in den Kaukasus. Heute entdecken wir ihre Spuren in den kunstvollen Gebäuden und verwitterten Grabsteinen.

„Hier ruht in Frieden Viktor Klein“, verkündet die Aufschrift auf dem Grabstein des letzten Nachfahrens.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.